Ein Tag, an dem alles gut ist: Sonnenschein, freundliche Menschen, kurzweilige Freizeitgestaltung? Oder doch rauschender Regen, Alleinsein und ein gutes Buch in der Hand? Eine herausfordernde Bergtour auf steilen Pfaden mit weitem Blick vom Gipfel?
Der via-nova-chor München macht in seinem Konzert musikalische Vorschläge für einen Tag, an dem der perfekte Wind weht – und lädt spielerisch dazu ein, den eigenen Ideen Gestalt zu geben.
Mit Werken unter anderem von Jean Absil, Jean Françaix, Nana Forte, Hans Schanderl, Arne Mellnäs und Paweł Łukaszewski betrachten wir das Meer, schlendern über einen orientalischen Markt, bewundern antike Kunstwerke, besuchen einen Zoo und wagen ein Tänzchen.
Nana Forte: On a day, when the wind is perfect (An einem Tag, an dem der Wind perfekt ist)
An einem Tag, an dem der Wind perfekt ist,
muss sich das Segel nur entfalten, und die Welt ist voller Schönheit.
Heute ist so ein Tag.
Meine Augen sind wie die Sonne, die Versprechen gibt:
das Versprechen des Lebens, das sie jeden Morgen einhält.
Das lebendige Herz schenkt uns ebenso wie jene leuchtende Kugel,
beide umschmeicheln die Erde mit großer Zärtlichkeit.
Es weht eine Brise, die in die Seele dringen kann.
Diese Liebe, die ich kenne, schlägt eine Trommel.
Arme umschlingen mich;
wer kann sich vor meiner Schönheit zurückhalten?
Frieden ist wunderbar,
aber Ekstatischer Tanz macht mehr Spaß und ist weniger selbstverliebt;
er macht unsere Lippen gesellig.
An einem Tag, an dem der Wind perfekt ist,
muss sich das Segel nur entfalten,
und schon beginnt die Liebe.
Heute ist so ein Tag.
Gerald Finzi: I praise the tender flower (Ich preise die zarte Blume)
Ich preise die zarte Blume,
die an einem trüben Tag
in meinem Gartengemach erblühte
und den Winter heiter machte.
Ihre Lieblichkeit besänftigte
mein gequältes Herz.
Ich preise das sanfte Mädchen,
dessen frohe Stimme und Lächeln
mein kummervolles Herz
für eine Weile Vertrauen lehrten
und meinem trauernden Geist
neue Flügel zum Aufstieg gaben.
Dem Mädchen wagte ich
aus Furcht vor Liebe nichts zu gestehen;
die Rose konnte niemals hören,
obwohl ich sie gut ansprach.
So binde ich beide in mein Lied,
damit alle sie finden.
Jean Francaix: Cantiques des colonnes (Lieder der Säulen)
Sanfte Säulen, mit
Kappen, geschmückt vom Tag,
Verziert mit echten Vögeln,
Die auf dem Rand schreiten,
Sanfte Säulen, oh
Orchester aus Spindeln!
Jede opfert ihre
Stille im Einklang.
– Was tragt ihr so hoch,
Strahlende Gleichgestellte?
– Dem makellosen Verlangen
Unsere fleißigen Anmut!
Wir singen gemeinsam,
Dass wir den Himmel tragen!
O einzige und weise Stimme,
Die für die Augen singt!
Sieh, welch unschuldige Hymnen!
Welch Klang
Entziehen unsere klaren Elemente
Der Helligkeit!
So kalt und golden
Wurden wir aus unseren Betten
Mit der Zange herausgerissen,
Um zu diesen Lilien zu werden!
Aus unseren Kristallbetten
Wurden wir geweckt,
Metallklauen
Haben uns gefesselt.
Um dem Mond zu trotzen,
Dem Mond und der Sonne,
Wurden wir jede einzelne
Wie einen Zehennagel poliert!
Dienerinnen ohne Knie,
Lächeln ohne Gesichter,
Die Schöne vor uns
Spürt ihre reinen Beine.
Fromm gleichgestaltet,
Die Nase unter dem Stirnband
Und unsere reichen Ohren
Taub für die weiße Last,
Ein Tempel auf den Augen,
Schwarz für die Ewigkeit,
Wir gehen ohne die Götter
Zur Göttlichkeit!
Unsere antike Jugend,
Matte Haut und schöne Schatten,
Ist stolz auf die Feinheiten,
Die aus den Zahlen entstehen!
Töchter des Goldenen Schnitts,
Gestärkt durch die Gesetze des Himmels,
Fällt auf uns herab und schläft ein
Ein Gott in Honigfarbe.
Er schläft zufrieden, der Tag,
Den wir jeden Tag darbringen,
Auf dem Tisch der Liebe
Breitet er sich auf unseren Stirnen aus.
Unvergängliche Schwestern,
Halb glühend, halb kühl,
Nahmen wir als Tänzer
Brisen und trockene Blätter,
Und die Jahrhunderte zu zehnt,
Und die vergangenen Völker,
Das ist eine ferne Vergangenheit,
Eine Vergangenheit, die nie genug ist!
Unter unserer gemeinsamen Liebe,
Schwerer als die Welt,
Durchqueren wir die Tage
Wie ein Stein die Welle!
Wir schreiten durch die Zeit,
Und unsere strahlenden Körper
Haben unbeschreibliche Schritte,
Die in den Fabeln Spuren hinterlassen…
Jean Absil: Bestiaire (Bestiarium)
I. Das Dromedar
Mit seinen vier Dromedaren
reiste Don Pedro d’Alfaroubeira
durch die Welt und bewunderte sie.
Er tat das, was ich gerne tun würde,
wenn ich vier Dromedare hätte.
II. Der Flusskrebs
Ungewissheit, oh meine Wonne,
Du und ich, wir gehen fort,
So wie die Flusskrebse fortgehen,
Rückwärts, rückwärts.
III. Der Karpfen
In euren Fischteichen, in euren Gewässern,
Karpfen, möget ihr lange leben!
Vergisst euch der Tod etwa,
ihr Fische der Melancholie.
IV. Der Pfau
Wenn er sein Rad schlägt, dieser Vogel,
dessen Federschwanz bis zum Boden reicht,
wirkt er noch schöner,
aber entblößt dabei sein Hinterteil.
V. Die Katze
Ich wünsche mir in meinem Haus:
Eine Frau, die bei Verstand ist,
Eine Katze, die zwischen den Büchern umherstreift,
Freunde zu jeder Jahreszeit,
Ohne die ich nicht leben kann.
Pavel Lukaszewsky: Like as the waves (Wie die Wellen)
Wie Wellen, die zum Kieselstrand sich drängen,
so eilen unsre Minuten ihrem Ende zu;
jede nimmt den Platz der vorigen ein,
und in stetem Mühen strebt alles vorwärts.
Die Geburt, einst im großen Licht,
kriecht hin zur Reife, und kaum gekrönt,
kämpfen krumme Finsternisse gegen ihren Glanz,
und die Zeit, die gab, verwirrt nun ihre Gabe.
Die Zeit durchbohrt den Blütenkranz der Jugend
und gräbt die Linien in der Schönheit Stirn,
sie frisst an allem, was die Natur als selten wahr erschuf,
und nichts besteht, das nicht von ihrer Sense fällt.
Und doch soll in hoffender Zukunft mein Vers bestehen
und deinen Wert preisen – trotz ihrer grausamen Hand.
Hans Schanderl: Bazar
Gerald Finzi: Nightingales (Nachtigallen)
Schön müssen die Berge sein, aus denen ihr kommt,
und hell in den fruchtbaren Tälern die Bäche, aus denen
ihr euren Gesang lernt:
Wo liegen jene sternenglänzenden Wälder? O dürfte ich dort wandeln,
zwischen den Blumen, die in jener himmlischen Luft
das ganze Jahr erblühen!
Nein, karg sind jene Berge, und versiegt die Bäche:
Unser Lied ist die Stimme des Verlangens, das unsere Träume heimsucht,
ein Schmerz des Herzens, dessen schwindende Visionen,
dessen verbotene tiefe Hoffnungen
kein sterbendes Verklingen, kein langer Seufzer
mit all unserer Kunst je auszudrücken vermag.
Allein, laut in das entzückte Ohr der Menschen
gießen wir unser dunkles nächtliches Geheimnis; und dann,
wenn die Nacht weicht
von diesen süß sprießenden Wiesen und den berstenden Zweigen des Mai,
träumen wir, während der unzählbare Chor des Tages
die Morgenröte begrüßt.
Arne Mellnäs: Bossa buffa
Kimmt sche hoamli die Nacht (Satz: Stefan Grünfelder)
Kimmt sche hoamli die Nacht,
is mei Tagwerk vollbracht,
sing i gern, wann i alloani bi,
stad a Liadl für mi.
Und wia guat is die Ruah,
geh i’s Feldwegal zua.
Sogar ’s Fischal drin im Wiesnbach
springt koan Fliagal mehr nach.
Wann i do grad a Stund
beim Herzliabstn sei kunnt.
Hab im Herzn ja koan andan drinn,
o wia glückli i bin!
Max Reger: Abendlied
Leise geht der Tag zur Rüste;
Purpurrot zum letztenmal
Glüht der Wald, als ob ihn küsste
Heiß der Sonne goldner Strahl
Weiße Nebelschleier steigen
Wallend aus dem See empor
Rings ist Stille nur und Schweigen
Und kein Laut klingt an mein Ohr
Und es streben alle müden
Seelen nun der Heimat zu
Denn der Abend lockt mit Frieden
Und diе Nacht mit süßer Ruh
Und in ferne Wеltenweiten
Wogt die Seele mir hinaus
Gleich als wollte sie bereiten
Sich zum ew’gen Flug ins Vaterhaus

