Der bogenschnitzende Amor


… und ein Spinnrad in einem Münchner Altenheim

Heinrich Hartl: Sie hat Rosen angezündet (Max Dauthendey)

Meine Liebste ist mit Lächeln

Meine Liebste ist mit Lächeln
Durch die Dornen hingegangen,
Und an allen wilden Dornen
Hat ein Blühen angefangen.
Sie hat Rosen angezündet,
Eine blieb am Rock mir hangen,
Und blieb dicht an meinem Herzen
Bang rot wie der Liebsten Wangen.

May Dauthendey gelesen von Jella aus dem via-nova-chor München: Sie hat Rosen angezündet

Der bogenschnitzende Amor: Paul und Heiko im Gespräch

Das ist ein Gemälde, das heißt „Der bogenschnitzende Amor“ …

Ja, das sieht man.

Amor mit Flügeln, wie er mit einem scharfen Gegenstand einen Holzstab schnitzt, wahrscheinlich einen Bogen. Das ist ein Motiv im kunsthistorischen Museum in Wien, auch in verschiedenen Varianten, und ich war sofort eingesogen von diesem Bild.
Ich habe einer befreundeten Malerin dieses Motiv geschickt und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, dieses Motiv zu zeichnen, ob sie da selber ein Bild machen würde. Und dieses Bild begleitet mich auch schon seit vielen Jahren über meine Umzüge durch meine ganzen Länder und Kontinente, in denen ich war über Lebenssituationen hinweg.
Und das ist für mich extrem wichtig, dass dieses Bild in meiner Umgebung ist.

Eine Frage dazu. Wenn du dieses Bild und irgendwo wieder sehen würdest, würdest du dann an deine Heimat denken?

Ich denke ich bin bei mir zu Hause. Ich bin in meiner Heimat.

Emerenz Meier gelesen von Elisabeth Fußeder: Ich sah einen hohen schwarzen Wald

Matthias Rehfeldt: Ich sah einen hohen, schwarzen Wald (Emerenz Meier)

Ich sah einen hohen, schwarzen Wald

Ich sah einen hohen, schwarzen Wald,
Die Nacht darüber. – Kein Sternlein strahlt.
Durch wildgerissene Wolken nur
Dämmert des Mondes rote Spur. –
Unheimlich ist’s, so verlassen sein,
Kein‘ Heimat haben, kein Mütterlein,
Weitum im All keine Lieb‘, kein Brot –
Aus dunklem Gebüsch ragt der Tod.

Ein Spinnrad im Altenheim: Gespräch zwischen Paul und Heiko

Paul, bezogen auf unseren Heimatbegriff …

… hast du mir mal etwas erzählt von einer Geschichte aus deinen früheren Jahren. Einem Ort, wo du gearbeitet hast und eine kurze Zeit verbracht hast und Menschen, die etwas älter sind, mit dem Thema Heimat konfrontiert hast. Und du hast da was Tolles darüber zu erzählen.

In meiner Schulzeit habe ich ein halbjähriges Praktikum gemacht in der Verwaltung eines Altenheims. Und hab zum Schluss raus mich im Zuge meines Abschlussberichts intensiv mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt. Und da hatte ich eine Frage an die Pflegedienstleitung, die mir Rede und Antwort stehen wollte und getan hat. Und zwar habe ich sie gefragt: „Warum steht mir nichts dir nichts auf diesem Flur des Altenheims ein Spinnrad?“
Sie hat mir die sehr augenöffnende Antwort gegeben, dass für uns Spinnenräder keine wirkliche Relevanz im Alltag haben. Aber in der Zeit, als die damalig im Altenheim lebenden Menschen in ihrer Jugend und Kindheit waren, waren Spinnräder in Wohnzimmern was ganz Alltägliches. Und wenn die Demenz um sich greift, dann würde sie zuerst die jüngeren Erinnerungen löschen und vergehen lassen und dann sich Stück für Stück in die Kindheit zurückbauen, bis man wieder an einem gedanklichen Ort ist, wo man als Kind war. Und wenn man jetzt Dinge sieht, die einem vertraut sind, weil die Erinnerung das noch hergibt, wie zum Beispiel ein Ding aus der Kindheit, ein Spinnrad, dann hat man auch im Altenheim noch etwas Heimat.

Hedwig Lachmann gelesen von Katrin Klose: In die Ferne

Tomasz Skweres: In die Ferne (Hedwig Lachmann)

Die Mondessichel mit dem Abendstern

Die Mondessichel mit dem Abendstern
An dunkler Himmelswölbung tief und fern –
Das Leben am Gestade, wo ihr treibt,
Fliesst sachter, bis nur ein Erinnern bleibt.
Seefahrer ihr, an Bord der Mitternacht,
Vor Anker nun auf eurer Wanderwacht!
Seefahrer um den Pol der Ewigkeit
Im Kreis von Dunkelheit zu Dunkelheit!

Gewissheit: Heinrich Hartl im Gespräch

Man kennt es zwar nicht, aber man meint es zu kennen, …

… es gibt eine gewisse Vertrautheit. Und diese Vertrautheit gibt auch vielleicht eine gewisse emotionale Sicherheit, ein gewisses emotionales Grundvertrauen, das zumindest mir auch helfen kann, das Leben zu meistern.

Christian Morgenstern gelesen von Lutz Landwehr von Pragenau: Nachts im Wald

Lutz Landwehr von Pragenau: Nachts im Wald (Christian Morgenstern)

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuss nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.
Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

via-nova-chor München
Leitung: Kerstin Behnke


Soli:
Thomas Sweres: In die Ferne
Simone Brückner, Mira Sabel, Holger Haushahn

Moderation: Carmen Fiedler-Stahl