Eigentlich ist dieser Satz in beiden Formulierungen zutreffend. Natürlich musste er gehen. Und wir sind besonders hilflos mit unseren Gefühlen und mit unserem Verstand, wenn ein so junger Mensch sterben muß.
Aber Martin hat - obwohl er um seine Krankheit wusste - diese über einen längeren Zeitraum hinweg so heldenhaft und tapfer getragen, dass viele, die ihm begegnet sind, gar nicht ahnten, dass er vor einem so grausamen Schicksalsschlag steht. Er hat diese Haltung bis zu seinem letzten Atemzug bewahrt und hat nicht mit dem Tod gekämpft, sondern ist friedlich von uns gegangen.
Er hat sein Leben, das er sich in den Jahren seiner Jugend und in den wenigen Jahren seines Erwachsenseins mit bewundernswerter Konsequenz und Kraft und Selbständigkeit aufgebaut hatte bis zum letzten Tag so gelebt, als könnte es noch weitergehen mit dem intensiven Unterrichten vieler junger und älterer Menschen und mit dem eigenen Vorankommen im Erlernen einer immer besseren Technik des Singens und mit dem Erleben und Bewundern der Natur in den Bergen und mit dem zähen Training des eigenen Körpers bei Fitness und Radfahren.
Noch drei Tage vor seinem Tod hat er seine Schüler an der Universität Augsburg unterrichtet - trotz Bestrahlung und Chemotherapie. Zwei Tage vor dem Tod hat er ein Vorstellungsgespräch absolviert, um als Stimmbildner beim Tölzer Knabenchor zu arbeiten. Seinen Arzt hat er aufgefordert, alles an Behandlungen anzuwenden, was möglich sei, um Zeit zu gewinnen - Zeit für die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hat, nämlich ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft zu sein mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Umwelt, mit einer großen Verantwortung für diejenigen, denen er Unterricht erteilte, mit einer liebevollen und neidlosen Zuwendung für seine Freunde.
Wir fragen uns: Woher hat er angesichts seiner Krankheit diese bewundernswerte Kraft genommen ?
Ohne Zweifel war seine tief empfundene Religiosität die Quelle dieser Kraft. Er hat darauf vertraut, dass der Tod, dessen Nähe er sehr wohl gespürt, aber nicht gefürchtet hat, ihm Erlösung bringen würde. Er glaubte daran, dass der Tod für ihn ein Zeichen dafür sei, dass er seine Lebensaufgabe erfüllt hat. Das konnte er tun, weil er diese Aufgabe in der Zuwendung zu anderen Menschen und nicht in der Zuwendung zu sich selbst gesehen hat. Wir alle wissen, dass Martin trotz seiner sehr ernsten und konsequenten Lebensgestaltung alles andere war als ein Miesepeter. Er konnte sehr fröhlich sein. Man konnte wunderbare Feste mit ihm feiern. Als Mitglied des via-nova-chores hat er das früher berühmte und traditionelle Sommerfest bei sich im Haus organisiert. Er hat das wichtigste Gebot, das uns im Evangelium verkündet wird wörtlich genommen: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". - nicht mehr und nicht weniger.
Ich habe Martin kennengelernt, als er sich als 17jähriger Gymnasiast um die Mitgliedschaft in der Bayerischen Singakademie bewarb. Im Schulchor hatte er damals den "Sonntagnachmittagskaffee" von Wilhelm Killmayer kennengelernt und daraus hat er uns einige Stellen vorgesungen. Wir haben sofort erkannt, dass hier ein Sangesbegeisterter singt, auch wenn da von technisch richtigem Singen noch wenig die Rede sein konnte. Das hat sich schnell geändert.
Martin war ein Suchender, ein Nachdenkender, einer, der hinter die Kulissen blicken wollte. Und da war er bald einer derjenigen, die dem Stimmbildungschef Dietrich Schneider in seinen Stimmkunde-vorlesungen assistieren durften. Diesem Lehrer und Freund ist er mit eiserner Disziplin treu geblieben. Ich erinnere mich, dass er zwei Wochen vor seinem Tod - als er gerade die anstrengenden Bestrahlungen absolvieren musste - spät in der Nacht, als wir zusammen den Geburtstag meiner Söhne feierten zu mir sagte: "Ich muß jetzt wirklich gehen. Ich habe morgen einen Termin beim Dietrich. Da muß ich fit sein."
Bereits nach wenigen Jahren wurden ihm in der Singakademie jüngere Neulinge anvertraut, um deren erste grundlegende Übungen zu überwachen und ihnen Hilfestellung zu geben. Verantwortung für andere übernehmen, anderen helfen wollen, das war Martins Sache. Dabei geschah dies alles in einer kameradschaftlichen Weise und dennoch auf der Basis einer spürbaren Autorität aufgrund des immensen Hintergrundwissens über die Stimmphysiologie, das er sich angeeignet hatte. So ist es geblieben bei Martin, auch noch als Lehrbeauftragter für Gesang an der Universität.
Nach dem Abitur immatrikulierte sich Martin an der Universität für das Lehramtsstudium in Musik und Englisch. Aber bald wurde klar, dass das für ihn nicht der richtige Weg sei. Er wechselte zum Gesangsstudium an die Musikhochschule. In dieser Zeit wurde er auch Mitglied im via-nova-chor. Die Zeit seines Studiums in München war für ihn nicht einfach. Sehr früh schon wollte er die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus nicht akzeptieren und so benützte er jede nur mögliche Gelegenheit, um mit irgendwelchen Studentenjobs seine Finanzen zu sanieren. Auch hier zeigt sich ganz deutlich eine Charaktereigenschaft Martins. Er wollte selbständig sein und eigenverantwortlich leben. Er wollte niemandem zur Last fallen. Nicht dass er fremde Hilfe verschmäht hätte. Er wollte es selbst schaffen - auch in schwierigen Situationen. Eines seiner Lieblingsworte war "Es ist wie es ist", sagte der Fisch und schwamm weiter. Und so hat er nie aufgegeben.
Für eine ausgedehnte solistische Gesangskarriere ist ihm die Lebenszeit davongelaufen. Aber er war nahe daran. Einige von uns konnten erleben, dass er noch gegen Ende des letzten Jahres trotz seiner schweren Krankheit das Baritonsolo im Requiem von Fauré gesungen hat.
Es ist für uns nicht einfach, den Tod als eine Pforte zu einem anderen, zu einem ewigen Leben zu begreifen und zu akzeptieren. Aber wenn ein uns nahestehender junger Mensch dieses Ereignis "Tod" mit einer so großen Kraft und Entschlossenheit bewältigt, dann dürfen wir uns ihn zum Vorbild nehmen.
Lasst uns jetzt für ihn beten. Wir werden im Gottesdienst das wunderbare "Tu pauperum refugium" von Josquin Desprez singen, das Martin sehr geliebt hat.
Es heißt da: "Wohlan, mein Herr und Erlöser, zu dir allein nehme ich meine Zuflucht, dich wahrer Gott bete ich an, auf dich vertraue ich, mein Heil Jesus Christus, hilf mir, dass meine Seele nicht untergehe im Tode."
Wir dürfen diese Worte für uns selbst singen, denn Martins Seele ist nicht im Tode untergegangen. Sie lebt weiter bei uns und bei Gott.
(Kurt Suttner)